Solange… Tag der Frau in Salzburg

Mrz 5, 2021Bücher und Kunst2 Kommentare

Ein feministisches Kunstwerk ziert die Altstadt zum Tag der Frau. Und schon entbrennen wilde Diskussionen: zu sophisticated, unverständlich, kontraproduktiv. Aber hallo – „Wo bleibt der Humor?“ fragt sich die VielfaltsAgentin.

„Solange du bei Empowerment auf der Leitung stehst, bin ich Feminist:in.“

Ich muss gestehen, ich finde diesen Spruch super. Weil ich bekanntermaßen auf Sprachspiele und Wortklaubereien stehe und mir im Geiste schon x dazu passende „Solange“-Sprüche einfallen. Wahrscheinlich bin ich genau so eine „Bobo-Feministin“, die das Kunstwerk anspricht. Dieser Ausdruck entstammt der Facebook-Diskussion auf dem Profil der Salzburger Frauenbeauftragten Alexandra Schmidt. Dort wurde rege pro und contra gepostet, und eines der Hauptargumente war: Die Betroffenen erreicht man mit so einem Statement nicht, da es viel zu abgehoben und schwer verständlich ist. Die Gegenfrage: Muss ein Kunstwerk alle erreichen? Wer definiert, wie „richtiger“ Feminismus auszusehen hat? Und: Wer sind denn die „Betroffenen“?

Baustelle meets Kreuzstich-Stickerei

Screenshot vom 5.3.2021

Ich habe recherchiert, was die Tiroler Künstlerin Katharina Cibulka über ihr SOLANGE Projekt sagt, das sie als „Projekt über den Mythos der erreichten Gleichberechtigung“ bezeichnet. Seit 2015 bringt sie Aussagen über die Situation von Frauen hinsichtlich Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sexuelle Belästigung, Gehaltsschere, Macht und Diskriminierung sowie Respekt an verschiedenen Baustellen an – und zwar mit Kreuzstich in Staubschutzplanen eingestickt. Die Baustelle als „männliches“ Betätigungsfeld also durchdrungen von „weiblicher“ Stickerei. Und durchaus mit Sprachwitz und Humor, wenn man da von „Augen-Höhen-Angst“ oder „State of the Heart“ oder „Six Packs und Sex Bombs“ liest.

Wie lange noch? Solange!

Einen Überblick samt kreativer Ergänzungen von anderen Menschen gibt’s auf Instagram. Dort kann man sich übrigens auch am Projekt beteiligen, indem man eigene Solange-Sprüche mit Bildern einschickt, die dann von der Künstlerin gepostet und kommentiert werden. Na – regt euch das zum Formulieren und Fotografieren an? Dann macht doch einfach mit!

Screenshot vom 5.3.2021

Und zum Thema Betroffene…

Es ist längst erwiesen, dass nicht nur Frauen, sondern die gesamte Gesellschaft und auch Wirtschaft negative Folgen zu tragen haben, wenn Frauen benachteiligt oder unsichtbar sind. (An dieser Stelle ein kleiner Buchtipp: Unsichtbare Frauen von Caroline Criado-Perez).  Im Falle dieses Kunstwerks würde ich also – im Gegensatz zu einigen Facebook-Diskutant:innen – die Betroffenen und Angesprochenen nicht vorrangig in der benachteiligten Frauenwelt, die es zu empowern gilt, sondern gerade auch in der Männerwelt verorten. Denn es heißt: Solange DU auf der Leitung stehst….

Mit DU können genau die Menschen (Männer?) gemeint sein, die Frauen zu geringeren Gehältern anstellen. Oder diejenigen, die das Familien-Management automatisch von Frauen erwarten. Oder diejenigen, die Frauen technische Kompetenz absprechen. Oder diejenigen, die Männer nicht in Karenz gehen lassen wollen. Oder diejenigen, die politische Entscheidungen über Familien- und Frauenpolitik fällen. Oder diejenigen, die Frauen belästigen. Ja, die alle gibt es. Und sie sind ein Mitgrund für „Solange“…

Und wenn man es so betrachtet, dann ist genau dieser Spruch an genau diesem Ort am alten Rathaus an der Staatsbrücke bestens platziert und erreicht (auch) diejenigen, die strukturell etwas verändern können (und vermutlich den IQ aufweisen, den Spruch zu verstehen, wenn sie es wollen): Vom Politiker bis zum Architekten, vom Geschäftsmann bis zum Manager, vom Lehrer bis zum Arzt… Oder?

 

Was sagst du dazu? 

2 Kommentare

  1. Christian Salić

    Liebe Monika, offensichtlich habe ich dich zu einem Blog-Post inspiriert, das freut mich. Was uns noch verbindet: Wir beide lieben Sprache und wir beide möchten, dass unsere Gesellschaft gerechter wird. Was mir an diesem Plakat gefällt, ist das Anliegen und die große Platzierung am Rathaus, da bin ich voll dabei. Was mir gar nicht gefällt, ist die Sprache. Der Satz ist aus mehreren Gründen daneben gegangen. Erstens: Mehrfacher Bildbruch. Der Kontext ist ein Baugerüst, auf der Leitung stehen bezieht sich nicht auf den Kontext, sondern ist für sich genommen schon ein Gleichnis, ein zweites Bild. Die Bedeutung des Gleichnisses auf der Leitung stehen: Du kapierst etwas nicht. Der Satz lautet also: Solange du Empowerment nicht verstehst, bin ich Feministin. Hä? Empowerment ist für mich so ein Modewort, das eigentlich niemand so Recht versteht, auch nicht die, die es oft in den Mund nehmen. Ich würde darauf tippen, dass acht von zehn Passantinnen nicht verstehen, was es bedeutet. Wenn ich den Satz übersetze und vereinfache, wird es auch nicht verständlicher: Solange du Selbstermächtigung nicht verstehst, bin ich Feministin. Was soll das bitte bedeuten? Ein Plakat für Frauenrechte, das sehr viele Frauen und Männer ausschließt: Das findest du gut? Zweitens: Was hat die gestickte Schrift mit dem Satz und dem Inhalt zu tun? Das ist wieder eine eigene Bildwelt – Bild und Wort spielen sich in parallelen Universen ab, ergeben aber kein stimmiges Ganzes. Abgesehen davon kommt dieses Denglish ganz furchtbar aufgesetzt rüber. Man hätte zum Beispiel schreiben können: Solange mein Geschlecht darüber entscheidet, was Arbeit Wert ist, bin ich Feministin. Dann wäre es verständlich und macht zusammen mit dem Kontext Baustelle einen Punkt. PS: Die Künstlerin hat bereits mehrfach bewiesen, dass sie es besser kann, mit Sätzen die sich auf den Kontext beziehen, klar sind und so ihre Wirkung entfalten. Keine Ahnung, warum das in Salzburg so schief gegangen ist.

    Antworten
  2. VielfaltsAgentin

    Lieber Christian, Danke für deinen Kommentar!
    Nicht nur du, sondern auch andere Menschen haben mich zu diesem Post inspiriert – und die Tatsache, dass ich auf meinen Gassirunden immer wieder an dem Kunstwerk vorbeigehe und schmunzeln muss.
    Ich freue mich, dass es uns so zum Diskutieren anregt und möchte gern auf Deine Punkte eingehen. Den von dir angesprochenen Bildbruch hab ich nicht so empfunden: Mein Bild von einer Baustelle beinhaltet auch Rohre, Leitungen, Kabelkanäle… und deswegen passt für mich die Anspielung „auf der Leitung stehen“ gut. Ein Spruch, der eins zu eins in das Bild einer Staubschutzfolie passen würde (z.B: Solange ICH den Staub wegputzen muss, bin ich Feminist:in) ist zwar bildlich fein, aber da fehlt mir noch der Witz… ist aber vielleicht noch ausbaufähig? Eventuell in die Richtung: Solange dein Frauenbild so verstaubt ist, bin ich Feminist:in? Oder: „Solange (…) Staub aufwirbelt, bin ich Feminist:in!“ Ich fand diesen hier: „Solange Gleichberechtigung eine ewige Baustelle ist, bin ich Feministin“ (von 2018?) gut, aber anscheinend gibt es für jedes Projekt einen neuen Slogan. Soviel zum ersten Bild.
    Zum „Auf-der-Leitung-Stehen„: Ja, es will heißen du kapierst etwas nicht. Aber für mich kommt es nicht (mur) anschuldigend rüber, ich finde, man steht auch oft unabsichtlich, unwissentlich und ungewollt auf der Leitung. Und der Schritt von der Leitung kann ja auch ein kleiner sein, dh vielleicht braucht es nur einen minimalen Anstoß oder ein Aufmerksam-Machen, dass man ihn macht und einem ein Licht aufgeht: Hoppala! Das wollt ich nicht. Sorry.
    Zum Thema Empowerment: Ja, es ist ein viel gebrauchtes Wort, in das man viel hineininterpretieren kann. Und es kommt aus dem Englischen, wie so vieles, was in den globalisierten gesellschaftlichen Diskussionen zu uns „herüberschwappt“. Wäre die „Black Lives Matter“ Bewegung so erfolgreich und einprägsam, wenn sie „Schwarze Leben zählen“ hieße? Es zeigt für mich auch, dass es kein heimisches / deutschsprachiges Phänomen, sondern etwas internationales ist – genauso eben wie die feministischen Anliegen. Stößt sich heute noch wer am denglischen „Frauenpower„? Und vielleicht ist es auch gut, wenn Begriffe je nach Kontext und Sprecher/in auch etwas anderes bedeuten und sich viele Facetten darin wiederfinden können? Ist Empowerment für die eine Person die finanzielle Unabhängigkeit, kann es für die nächste die sexuelle Selbstbestimmung und für die dritte der Ausbruch aus den traditionellen Geschlechterrollen sein. Irgendwie klingt da Empowerment schon kraftvoller als Selbstbestimmung oder Selbstermächtigung. In vielen (Fach)Kreisen ist das Wort sehr gebräuchlich.
    Damit wären wir auch beim Thema ausgrenzen und ausschließen. Ja, die aufgeklärte Fachwelt kann mit Empowerment vermutlich etwas anfangen. Andere vermutlich nicht. Aber ehrlich gesagt: Welche (Werbe)Botschaft richtet sich denn wirklich an ALLE? Wie viele Kampagnen, Statements, Aufrufe sehe ich, die mich nicht ansprechen, weil ich 1. nicht betroffen und daher nicht Zielgruppe bin 2. mit dem Produkt nichts anfangen kann 3. oder es schon habe/kenne und mich im besten Fall positiv bestätigt fühle? Warum muss dann ein Kunstwerk für Frauenrechte alle ansprechen? Nur weil es im öffentlichen Raum ist? Tut ja Kunst sonst auch nicht (ich erinnere an die regelmäßig wiederkehrende Diskussion, wenn die Salzburg Foundation was Neues aufstellt). Und wenn man es versteht oder etwas damit anfangen kann, wieso fühlt man sich dann ausgeschlossen und denkt nicht zB: Cool, ich bin nicht gemeint, ich gehöre zu den „Guten“? Ich lese in diesem Spruch, dass es sowohl Menschen jedes Geschlechts gibt, die auf der Leitung stehen, aber auch Menschen, die das nicht tun. Und dass Feminismus nicht nur Frauen, sondern der gesamten Gesellschaft nützt.
    Die gestickte Schrift gibt dem Ganzen aus meiner Sicht eine zusätzliche paradoxe und ironische Note – ist übrigens auch weit verbreitet, googel mal „Cross stitch pattern feminism“, da kommen viele geniale gestickte Sprüche und Polster! (Das ist wie der Teller meiner Oma, den ich mir aufgehoben habe und der mein Wohnzimmer ziert).

    Dein Vorschlag: „Solange mein Geschlecht darüber entscheidet, was Arbeit Wert ist, bin ich Feministin“ gefällt mir inhaltlich, aber es geht für mich die Sprachspielerei ab – in der bist du doch auch sonst Meister 😉
    Aber schön zu sehen, dass das Kunstwerk polarisiert und zum Diskutieren und Nachahmen anregt. Das konnte ich unlängst auch in einer Frauenrunde erleben – das Ergebnis waren zwei neue Sprüche: „Solange Busen nicht hängen dürfen, wie sie wollen, bin ich Feminist:in.“ und: „Solange der Winkearm nicht wackeln darf, bin ich Femnist:in„. Jetzt suchen wir noch nach geeigneten Orten 😉

    Und übrigens – es gibt etwas Neues von Katarina Cipulka and der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck. Versöhnt?

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