Nationalfeiertag – für wen eigentlich?

Okt 3, 2022Kommentare0 Kommentare

Ich kenne Menschen, die haben drei davon. Ich kenne welche, die haben gar keine. Die meisten haben eine – und oft ist es leider die „falsche“. Denn sie wird vererbt. Die Rede ist von der Staatsbürgerschaft.

Mein Aha-Erlebnis hatte ich im Frühjahr 2018, als wir im Rahmen der akzente Salzburg Veranstaltungsreihe „Wahl_lokal“ 16-Jährige über ihr Wahlrecht informierten. Die Schlussfrage, wer zur Landtagswahl gehen würde, beantwortete gut ein Viertel mit Nein. Hatten wir versagt? Mitnichten – sie hatten keine österreichische Staatsbürgerschaft, obwohl die meisten hier geboren waren! Wie absurd: Wir wollen engagierte, aktive Bürgerinnen und Bürger heranziehen und verwehren ihnen gleichzeitig die politische Mitbestimmung?

Na gut, gehen sie halt nicht wählen, könnte man sagen. Es gibt ja auch sonst genug Leute, die das nicht tun, und davon abgesehen haben sie ja keine Nachteile. Stimmt nicht! So wollte eine Jugendliche Polizistin werden – geht aber nicht. Eine andere macht Spitzensport, darf aber nicht im österreichischen Nationalteam antreten. Wieder ein anderer merkt bei jeder Ausweiskontrolle, dass er anders behandelt wird als seine Schulkameraden.

Tatsache ist: Mehr als eine Viertelmillion Kinder, die hierzulande geboren sind, haben bislang nicht die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Hauptgründe sind die im internationalen Vergleich extrem hohen Einbürgerungshürden. In Fachkreisen ist diese Praxis höchst umstritten. Sie ist außerdem eine Gefahr für unsere Demokratie, da eine wachsende Wohnbevölkerung einer schrumpfenden Anzahl von Wahlberechtigten gegenübersteht: Wie legitimiert sind dann unsere Volksvertreter:innen überhaupt noch?

Dazu ein Zahlenspiel zur Salzburger Landtagswahl 2018: Legt man das Wahlergebnis auf die Wohnbevölkerung statt auf die abgegebenen Stimmen um, ist die aktuelle Landesregierung von genau einem Viertel der im Bundesland lebenden Menschen gewählt.[1] Und jede sechste in Österreich lebende Person kann den Nationalfeiertag am 26. Oktober nicht als den ihren mitfeiern.

Interessiert Sie dieses Thema?

Am 12. Oktober um 16 Uhr stellen die Migrationsforscher Gerd Valchars und Rainer Bauböck ihr aktuelles Buch „Migration und Staatsbürgerschaft“ im Literaturhaus Salzburg vor – Eintritt frei!
Oder Sie unterzeichnen die Online-Petition „hier geboren“ von SOS Mitmensch unter www.hiergeboren.at

 

[1] Berechnung basierend auf Zahlen der Statistik Austria per 1.1.2018 bzw. Salzburger Landesstatistik
Dieser Text erschien als „Vielfaltskolumne“ in der Salzburger Straßenzeitung Apropos im Oktober 2022

 

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