Jad Turjman aus Mattsee

Mai 12, 2020Personen und Persönlichkeiten0 Kommentare

Ich kannte Jad schon, bevor ich ihn kennenlernte. Klingt komisch, ist aber so. Es war glaube ich im Sommer 2016, eine Bekannte erzählte mir, dass sie als Freiwillige mit Flüchtlingen Deutsch lernte. Unter ihnen war ein bemerkenswerter junger Mann aus Damaskus, der unglaublich konsequent Deutsch lernte und ein beachtliches Sprachniveau erreicht hatte. Er hatte seine Fluchtgeschichte auf Deutsch niedergeschrieben – einerseits, um sie zu verarbeiten, andererseits, um sein Deutsch zu perfektionieren. Jetzt suchte er einen Verlag, der sein Buch herausbringen sollte. Ich war beeindruckt, konnte aber verlagstechnisch auch nur ein paar mir bekannte Verlage aufzählen ohne konkrete Tipps zu geben.

Die zweite Nicht-Begegnung

Einige Zeit später hörte ich wieder von ihm: Der Verein akzente Salzburg, wo ich Vorsitzende bin, hatte einen Job für das Projekt Heroes ausgeschrieben. In diesem Projekt geht es kurz gesagt darum, dass sich junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit ihrer Identität als Mann und dem gleichberechtigten Zusammenleben von Mann und Frau auseinandersetzen. Dazu wurde ein Gruppenleiter – vorzugsweise mit Migrationshintergrund – gesucht. Es hatte sich ein Syrer beworben, der ausgesprochen gut Deutsch konnte und sogar dabei war, ein Buch auf Deutsch zu schreiben. Ich wusste sofort, dass es sich um Jad handeln musste, und so war es auch. Er bekam den Job tatsächlich und begann bei akzente Salzburg als Heroes Gruppenleiter zu arbeiten.

Die erste Begegnung

In diesem Kontexte lernte ich ihn auch irgendwann einmal wirklich kennen. Wir liefen uns immer wieder einmal über den Weg und ich durfte ihn auch bei einigen Workshops und Veranstaltungen erleben. Prägend war eine Veranstaltung im November 2018 in Elixhausen zum Thema Migration und Flucht, bei der ORF Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary eingeladen war. akzente hatte ihn bereits im Februar bei der Veranstaltungsreihe Wahl:lokal 2018 anlässlich der Salzburger Landtagswahl in Saalfelden zu Gast gehabt. El-Gawhary gelingt es auf eine unheimlich authentische, sympathische Art seine Erlebnisse zu schildern und den Jugendlichen Einblick in eine Welt zu geben, die sie nicht kennen und die sie doch betrifft. Genauso war es auch in Elixhausen. Rund um die Veranstaltung konnte ich – ebenso wie Jad – beim gemeinsamen Mittagessen mit El-Gawhary dabei sein. Und beim lockeren Gespräch, ganz nebenbei, bot er Jad spontan an, das Vorwort zu dessen Buch zu schreiben, für das sich inzwischen ein Verlag gefunden hatte. Wir alle waren perplex und freuten uns riesig für Jad. Im Februar 2019 sollte das Buch dann endlich erscheinen.

2019: Wenn der Jasmin auswandert

Über Jads Buch „Wenn der Jasmin auswandert“ erschienen im Residenzverlag möchte ich hier nicht allzu viel schreiben – ich empfehle es jedenfalls aus ganzem Herzen und habe es bei Erscheinen sofort selber gelesen und mehrfach verschenkt. Inzwischen wurde die dritte Auflage gedruckt, und mit Erscheinen des Buches geriet Jad auch schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit: Lesungen, Podiumsdiskussionen und Interviews standen plötzlich auf der Tagesordnung. Auch im Rahmen des Dialogjahrs 2019 des Landes Salzburg war er mehrfach Gast bei Workshops und Diskussionen, um mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und einen neuen Blick auf ein gutes Miteinander zu eröffnen.

Apropos Titelinterview April 2019

Im Frühjahr 2019 wurde ich von der Salzburger Straßenzeitung Apropos angefragt, das Titelinterview für die April-Ausgabe mit Jad Turjman zu machen. Das Thema der Ausgabe lautete: Angekommen. Ich überlegte mir lange, wie ich das Gespräch anlegen sollte. Wie man einem Menschen gerecht wird, der so viel Unvorstellbares erlebt hat. Und wie man weder in die Betroffenheits-Schiene gerät noch die Sensationslust der Leute befriedigt. In zahlreichen Interviews, die er geführt hatte, war er ausschließlich über seine Fluchtgeschichte befragt worden. Für mich ist das ein unbefriedigender Zugang, denn er zielt auf Vergangenes, auf etwas Abgeschlossenes ab. Ich wollte einen Jad Turjman portraitieren, wie er heute in Salzburg lebt, was ihm wichtig ist, was er für Zukunftspläne hat, was ihn als Mensch ausmacht. Ich hoffe, das ist mir in diesem Artikel gelungen.

Salzburger Straßenzeitung Apropos April 2019

Und heute?

Jad ist weiterhin beim Projekt Heroes aktiv, leitet Workshops und hat sein erstes Standup-Comedy Programm „Der Flüchtling Ihres Vertrauens“ aufgeführt. Mehr darüber kann man auf seiner Website erfahren, wo er auch sagt: „Bevor ich Flüchtling, Komiker und Autor bin, bin ich ein Mensch. Ein Mensch, der Brücken über die vielen Mauern bauen will.“

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