Wenn Worte sprachlos machen

Mai 4, 2026Wortklauberei

Am Anfang war das Wort. So steht es in der Bibel. Das Wort scheint also etwas sehr, sehr Mächtiges zu sein. „Ist nicht die Macht der Sprache die größte Macht?“ sinniert auch Salman Rushdie in seinem Roman „Harun und das Meer der Geschichten“. Darin erklärt der Geschichtenerzähler Rashid seinem Sohn, wovor die mächtigen Despoten am meisten Angst haben: vor Worten. Kein Wunder also, dass sie, kaum an die Macht gekommen, als eine ihrer ersten Handlungen das freie Wort einschränken.

Gleichzeitig bedienen sie sich selbst gezielt der Sprache, um den Weg für ihr Gedankengut zu bereiten. Schritt für Schritt werden die Grenzen des Denk- und Sagbaren ausgedehnt, bisher Unsagbares unzählige Male wiederholt, damit es sich in den Köpfen der Menschen festsetzt – bis den Worten Taten folgen. Ein Blick auf das aktuelle Tagesgeschehen genügt, um Beispiele dafür zu finden…

Nina Horaczek und Walter Ötsch haben bereits vor knapp zehn Jahren das Handbuch „Populismus für Anfänger – Anleitung zur Volksverführung“ verfasst. Darin zeigen sie eindrücklich, mit welchen Strategien Demagog:innen systematisch und kalkuliert manipulieren und Eskalationen vorantreiben. Sprache ist dabei eines der zentralen Werkzeuge.

Die Anleitung wirkt erstaunlich simpel. Da heißt es zum Beispiel: Malen Sie Schwarz-Weiß. Schüren Sie Ängste. Nutzen Sie Kampfbegriffe. Verwenden Sie einfache Bilder. Wiederholen Sie Ihre Lügen. Ignorieren Sie Fakten. Und nicht zuletzt: Diskreditieren Sie die Medien.

Die Mechanismen sind also gut bekannt – und doch machen sie immer wieder sprachlos. Im Anhang des Buches werden daher zehn Gegenstrategien vorgestellt, um Manipulation zu durchbrechen und der populistischen „Verführung“ entgegenzutreten – auch mit Worten. Drei Tipps daraus: Hinterfragen Sie die Sprache. Bestehen Sie auf Fakten. Haben Sie Mut zum Widerspruch.

Einfacher gesagt als getan? Argumentationshilfen gegen Stammtischparolen lassen sich leicht im Internet finden. Auch Angebote wie die aktuell laufende, kostenlose Online-Reihe GEKKOS vom Friedensbüro oder Workshops zu Zivilcourage bieten Raum zum Ausprobieren mit Gleichgesinnten.

Lassen wir uns also nicht sprachlos machen – sondern nutzen wir selbst die Kraft der Worte!

Dieser Text erschien als „Vielfaltskolumne“ in der Salzburger Straßenzeitung Apropos im Mai 2026. Foto von MART PRODUCTION: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-lippen-festhalten-halten-7699405/ 

Das könnte dich auch interessieren

Die Menopause wird salonfähig

Die Menopause wird salonfähig

„Ich muss das Fenster aufreißen, mir ist schon wieder viel zu heiß!“ habe ich die Worte der Kollegin noch im Ohr. An die verständnislosen Blicke rundum kann ich mich ebenso...

mehr lesen
Nenn mich, wie du willst??!

Nenn mich, wie du willst??!

Meine Mutter heißt Brigitta mit a – nicht Brigitte. Auch meine Großmutter war „so eine“: Hilda, nicht Hilde. Wir alle kennen vermutlich eine Anne mit e, einen Claus mit C,...

mehr lesen