Das Unbekannte nebenan

Okt. 12, 2025Persönliches

Ich musste nicht, ich wollte. Und doch fühlt es sich komisch an. Zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren übersiedle ich – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Denn ich merke, dass zum Wohnen mehr gehört als nur die Wohnung selbst. Die vertraute Umgebung, die Menschen, mit denen ich unter einem Dach lebte, die Geräusche, das Stammgast-Sein im Feinkostladen, die gewohnten Gassirunden… Ich kann mich gar nicht mehr an das Gefühl erinnern, wie es war, als all das neu und zu entdecken war.

Es ist wohl genau das, was Wohnen ausmacht: dass es sich irgendwann ganz selbstverständlich anfühlt – mit all der Vielfalt, die einen umgibt. Man weiß, wann die Jungfamilie morgens zum Kindergarten aufbricht, welche Zeitung die pensionierte Nachbarin abonniert hat, wer die Pflanzen vorm Haus gießt, welcher Hund immer an derselben Ecke schnüffelt, wer einem am Weg ins Büro begegnet, wo die Apropos-Verkäuferin sitzt. Dieses dichte Geflecht macht aus einem Wohnort ein Zuhause.

Jetzt merke ich: Woanders ziehen andere ihre Kreise, leben andere Gewohnheiten, klingen andere Stimmen durch den Stiegenaufgang. Und ich freue mich aufs Entdecken dieser neuen Vielfalt. Denn sie ist es, die Nachbarschaften lebendig macht – auch wenn sie vielleicht auch mal irritierend sein kann und Missverständnisse entstehen lässt. Und nach und nach wird sich, ohne dass ich es bemerke, auch hier eine Vertrautheit einstellen.

Vielleicht zeigt sich nirgendwo so deutlich wie beim Wohnen, wie ernst wir es mit der Vielfalt wirklich meinen. In unseren Häusern, in unseren Straßen entscheidet sich, ob Unterschiedlichkeit trennt oder bereichert. So gesehen ist ein Umzug genau die Chance, sich neu darauf einzulassen – auf das Unbekannte nebenan.

Dieser Text erschien als „Vielfaltskolumne“ in der Salzburger Straßenzeitung Apropos im Oktober 2025. Foto von cottonbro studio auf Pexels.com

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