Der Herbst – für die einen das Sinnbild des Lebens, des Erntens, der Vielfalt an Farben, Früchten und Gerüchen. Für die anderen der Vorbote des Winters – Zeit des Welkens, Absterbens und der Vergänglichkeit.
Auch beim Menschen ließe sich das „goldene Alter“ als Zeit der Reife, der Erfahrung und „Aus-dem-Vollen-Schöpfen“ verstehen. Doch in einer Welt, die Jugend, Wachstum und Blüte feiert, wird das Herbstliche oft übersehen.
Ganz offensichtlich wird das in der Arbeitswelt: Obwohl bald alle bis 65 Jahre arbeiten müssen, gestaltet sich die Jobsuche (speziell für Frauen) ab 50 Jahren schwierig. Eigentlich paradox, denn sie werden durch das angeglichene Pensionsalter noch lönger am Arbeitsmarkt verfügbar sein. Gleichzeitig klagen viele Branchen über Fachkräftemangel und suchen händeringend Personal.
Neue Modelle wie Teilpension und reformierte Altersteilzeit sollen ältere Menschen länger im Beruf halten und das Pensionsantrittsalter heben. Doch was nützen Reformen, wenn in vielen Köpfen steigendes Alter mit verringerter Leistungsbereitschaft verbunden ist? Wenn Alter als Kostenfaktor und nicht als Ressource zählt? Wenn das Potenzial generationenübergreifender Zusammenarbeit und der Wert des geteilten Wissens nicht erkannt werden?
Schauen wir in die Kunst – da gibt es viele berühmte Spätwerke in Dichtung, Malerei oder Musik von Menschen, die gerade am Ende ihrer Karriere etwas radikal Neues und Tiefes kreieren. Die das bisher Erlebte mit all ihrer Schaffenskraft verbinden und ohne Beweiszwang großartige, innovative Leistungen vollbringen.
Diversität heißt auch, das Herbstliche sichtbar und wertvoll zu machen. Und ob wir den Herbst als Ende oder als Höhepunkt lesen, sagt letztendlich mehr über unsere Gesellschaft aus als über die Jahreszeit.
Dieser Text erschien als „Vielfaltskolumne“ in der Salzburger Straßenzeitung Apropos im November 2025. Foto von Efrem Efre : https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-paar-frau-gehen-14177316/


