Feig, faul & frauenfeindlich von Omar Khir Alanam

Jan 3, 2022Bücher und Kunst0 Kommentare

Auf Omar Khir Alanams neues Buch war ich extrem gespannt, denn schon der Titel „Feig, faul & frauenfeindlich“ hat bei mir eine gehörige Portion Neugier – und Skepsis! hervorgerufen. Daher musste ich es mir gleich als Feiertagslektüre 2021/22 vornehmen, da ich seine bisherigen Bücher mit Begeisterung verschlungen habe. Zur Erinnerung: In seinem ersten Buch „Danke“ bedankt sich Khir Alanam, der 2014 nach zwei Jahren Flucht aus Syrien nach Österreich gekommen ist, für die Aufnahme in seiner neuen Heimat. In „Sisi, Sex und Semmelknödel“ nimmt er interkulturelle Missverständnisse und die österreichische Seele auf eine sehr gelungene und humorvolle Weise aufs Korn.

Und jetzt? Was an unseren Vorurteilen gegen arabische Zuwanderer stimmt und was nicht, will er uns erklären – wenn das nicht ins Auge geht ..!

Vorurteile beschreiben ohne sie zu verfestigen?

Als Person, die sich beruflich mit Anti-Bias und Diskriminierung beschäftigt, schrillen bei der VielfaltsAgentin die Alarmglocken: Wie kann dieser Spagat gelingen, Vorurteile zu wiederholen ohne sie einzuzementieren? Eigenheiten aufzudecken, ohne Schuldzuweisungen zu machen? Diskriminierung anzusprechen, ohne in die Opferrolle zu verfallen? Und – wie der Klappentext verspricht – „ohne die Interessen ausländerfeindlicher Gruppen zu bedienen“? Mit einer gewissen bangen Erwartung beginne ich zu lesen…

„Die Farben eines syrischen Basars“

Bereits im Vorwort „Liebesgedichte“ teilt Khir Alanam mit, welches Ziel er mit seinem Buch verfolgt: Er möchte die Stimme sein, die zum Dialog, zum Kompromiss, zum Einander-Verstehen und zur Reflexion der Stärken und Schwächen der eigenen Lebensweise aufruft. Die Stimme, die Akzeptanz und Verständnis von beiden Seiten einfordert, und die sich nicht scheut, Probleme anzusprechen – auch auf die Gefahr hin, dass ihre Botschaft des Friedens missverstanden wird. Ein Satz hat es mir besonders angetan: „Es wird sich im Laufe dieses Buches herausstellen, dass die Welt weder schwarz noch weiß ist, sondern dass sie vielmehr in den Farben eines syrischen Basars leuchtet“. Und tatsächlich – die Aufgabe gelingt!

Persönlich, einfühlsam und poetisch

Omar Khir Alanam versteht es, ausgehend von persönlichen Erlebnissen Themenbereiche mit Konfliktpotenzial aufzugreifen und sie differenziert darzustellen, ohne in die Falle der Verallgemeinerungen zu geraten. Und so erfahren wir Hintergründe über die Zerrissenheit zwischen Tradition und „westlichem Lebensstil“, lernen, dass Faulheit in der arabischen Welt genauso verpönt ist wie bei uns, erkennen, dass unsere Integrationspolitik einer zynischen Reality-Show gleicht und vieles mehr.

Auch heikle Bereiche wie die Kopftuchdebatte, islamische Hassprediger und kriminelle Clans lässt Khir Alanam nicht aus und schafft es, Verständnis zu erzeugen aber dieses nicht als Ausrede oder Entschuldigung gelten zu lassen. Zu jedem der angesprochenen Themen hat er einen Appell an beide Seiten und gibt Vorschläge für Lösungen. Was jetzt vielleicht ein bisschen nach Sachbuch klingt, ist es keineswegs! Die persönlichen Geschichten machen die Erzählung lebendig, die Sprache ist einfühlsam und immer wieder auch poetisch.

Morgen ist schöner

Im Nachwort „Morgen ist schöner“ ruft Omar Khir Alanam dazu auf, einen europäischen Islam voranzutreiben, „der mit den alten Vorurteilen endgütig bricht und eine Aufwertung demokratischer Grundwerte mit sich bringt.“ Doch genauso, wie er eine „ehrliche, mutige und kritische Selbstreflexion“ der muslimischen Community einfordert, verlangt er auch von Europa, „Muslime und Musliminnen in all ihren Widersprüchen und Konflikten zu begreifen“ und Zugewanderten echte Chancen zu bieten.

Er schließt mit einer zauberhaften Geschichte des Sufi-Dichters Fariduddin Attar aus dem 12. Jahrhundert, in der sich dreißig Vögel auf die beschwerliche und gefährliche Suche nach dem mythischen Vogel Simurgh, dem König der Vögel, machen – um am Schluss zu erkennen, dass sie auf der Suche nach sich selbst waren. Genauso findet man das Paradies auch nur in sich selbst – wenn man sich bewusst dafür entscheidet, es für sich und seine Mitmenschen zu erschaffen anstatt den Weg des Hasses und der Gewalt zu beschreiten.

DANKE, Omar!

Inzwischen habe ich das Buch vier Mal nachgekauft und weitergeschenkt, da ich es für einen unheimlich wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis halte. Nämlich einer, der ohne erhobenen Zeigefinger und Besserwissertum daherkommt und keine ideologischen Scheuklappen hat.

DANKE, Omar, dass du dich da drübergetraut hast!

Gott sei Dank hat das Alphabet ja noch viele Buchstaben für weitere Alliterations-Buchtitel à la „Sisi, Sex und Semmelknödel“ und „Feig, faul und frauenfeindlich“ – ich freue mich auf deine nächsten 24 Bücher 🙂

 

 

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