Girl, Woman, Other von Bernardine Evaristo

Okt 3, 2021Bücher und Kunst0 Kommentare

Die britische Schriftstellerin Bernardine Evaristo ist die erste Schwarze, die den renommierten Booker Prize erhalten hat. Das – und einiges mehr – scheint sie mit ihrer Haupt-Protagonistin Amma gemeinsam zu haben. Diese ist Theatermacherin in London. Obwohl sie seit Jahrzehnten versucht mit ihren feministischen, gesellschaftskritischen und Rassismus thematisierenden Stücken zu überleben, ist die Zeit erst jetzt reif geworden für eine große Bühne: Sie darf ein Stück am National Theatre in London inszenieren. Die Rahmenhandlung bildet der Tag der Premiere, an dem Amma in der Früh das Haus verlässt und am Abend nach der Premierenfeier wieder nach Hause kommt.

12 Geschichten von Mädchen, Frauen und… OTHER

Dazwischen lernen wir zwölf ganz unterschiedliche Personen kennen, die alle auf die eine oder andere Art mit Amma (sichtbar oder unsichtbar) verbunden sind. Und die Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Lebens- und Liebeskonzepten, mit Migration, mir Rassismus und Rollenklischees mitbringen. Quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten bewegen wir uns mit den starken Frauen, die mit herkömmlichen Vorstellungen von binären Geschlechtern und heterosexueller Norm aufräumen, jede auf ihre Weise.

Und so liest sich Evaristos Buch auch als kleine Kulturgeschichte des Feminismus und der britischen Einwanderung. Durch die Brille ihrer Protagonist:innen tauchen wir in lesbische und non-binäre Communities ein und erfahren, welche Ansichten sie verbinden und welche sie trennen. Eine facettenreiche Einführung in die LGBTQI+ Welt, die für viele Leser:innen sicher auch „anders“ ist… Ist also der Begriff „other“ im englischen Originaltitel eine Anspielung auf „Othering“, also die Abgrenzung von anderen Gruppen, die Darstellung von Fremdartigkeit, die die Basis für Rassismus bildet? Oder ist es – wie es die deutsche Übersetzung (Mädchen, Frau, etc.) nahelegt – primär der Hinweis darauf, dass es noch weitere Geschlechtsidentitäten gibt?

Sprachlich schonungslos, erzählerisch virtuos

Evaristo versteht es, den sprachlichen Stil der Kurzgeschichten dem Milieu der jeweiligen Protagonist:in anzupassen. Das bringt eine unheimliche Authentizität mit sich, mit der man aber als Nicht-Native Speaker:in im Original zum Teil ganz schön zu kämpfen hat. Wie es der Übersetzerin Tanja Handels damit gegangen ist, kann man in diesem Podcast des Stuttgarter Schriftstellerhauses nachhören.

Trotzdem fällt es einem nicht schwer, in die Lebenswelt der Personen einzutreten und hautnah mitzufühlen: Wie die erfolgreiche Bankerin Carole am Flughafen für eine Drogendealerin gehalten wird. Oder wie die starke, selbstbewusste Dominique sich in der Beziehung zur manipulativen Nzinga völlig selbst verliert. Oder wie die Lehrerin Penelope als über Sechzigjährige herausfindet, wer ihre wahren Vorfahren sind. Oder wie Ammas Tochter Yazz ihren Weg sucht und sich in der Welt ihrer lesbischen Mutter und ihres schwulen Vaters zurechtfindet – um nur einige der vielschichtigen Themen herauszugreifen.

Spannend ist, wie alle Schicksale dann doch in Beziehung zueinander stehen und ein großes Ganzes ergeben. Fast würde man sich manchmal eine Personenübersicht wünschen, wie es sie ab und zu in historischen Romanen gibt. Ob es dadurch auch ein bisschen konstruiert wirkt mit dem Anspruch, alle gesellschaftspolitischen Debatten der Jetzt-Zeit unterzubringen?

Und selbst wenn, dann ist es Evaristo sehr gut gelungen.

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