#MeToo: Es ist nie zu spät!

Nov 25, 2020Persönliches0 Kommentare

Dieser Beitrag ist in meinem Kopf schon lange ausformuliert – genau genommen, seit ich das erste Mal von #MeToo gehört habe. Aber irgendwie hat immer die Zeit, die Motivation, die Muße gefehlt. Jetzt haben mir die #catcalls of Salzburg und die Aktion orange the world gegen Gewalt an Frauen, die heute beginnt, wieder einen Anstoß gegeben. Denn sexuelle Belästigung ist nach wie vor ein Riesenthema. Spät aber doch schreibe ich ihn endlich. Wobei: Es ist nie zu spät!

Warum überhaupt?

Erstens möchte ich zeigen, dass auch starke, selbstbewusste, schlagfertige Frauen sexuelle Übergriffe erleben. Völlig unerwartet, völlig aus dem Hinterhalt. Und das führt mich zu zweitens: Ich habe fast 20 Jahre gebraucht, um beim letzten Mal so geistesgegenwärtig zu reagieren, wie ich immer wollte. Dann war ich aber stolz darauf. Ein richtiger Triumph. Und drittens: Nur wenn wir dranbleiben und uns nicht einschüchtern lassen, wird sich vielleicht irgendwann einmal etwas ändern.

Worum geht’s?

Mir geht es hier nicht um Annäherungsversuche, die man höflich aber bestimmt ablehnt und womit die Angelegenheit dann gegessen ist. Auch nicht um den vom Professor in der Unterstufe, als er versucht hat mich zu küssen. Ich hab ihn abgewehrt und damit war’s für mich und ihn erledigt. Gott sei Dank. Im Nachhinein betrachtet natürlich ein Wahnsinn. Aber nachdem wir mit ihm ein kumpelhaftes Verhältnis hatten, hab ich das damals auch wie einen nice try unter Kumpels gesehen und mehr nicht. Angeblich hat er’s bei einigen Mädels aus der Klasse probiert, aber das habe ich erst Jahrzehnte später bei einem Klassentreffen erfahren…
In diesem Beitrag hier geht es mir um Übergriffe von Fremden im öffentlichen Raum – die wie man sieht überall passieren können.

Wien, Anfang der 90er

Ich war Ferialpraktikantin in einem Büro im 6. Bezirk. Hatte immer wieder mal Wege zu erledigen wie auf die Post, zur Bank oder ähnliches. Bei einem dieser Wege griff mir auf offener Straße ein ziemlich gleichaltriger Bursch auf die Brust. Ich war total perplex und bin einfach weiter gegangen. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er mich am Rückweg sogar nochmals belästigt. Das Ganze passierte so schnell und unvermutet, dass ich nicht reagiert habe. Oder nicht wusste, wie ich reagieren hätte sollen. Das Gefühl der Erniedrigung blieb.

Italien, Mitte der 90er

Ich war mit meinem damaligen Freund auf Urlaub in Italien. Und was gehört zu einem Italien-Urlaub abgesehen von Sonne, Strand und Amore? Natürlich shoppen! Noch dazu, da ich einen Nebenjob bei einem Konferenzveranstalter hatte und zur Abwechslung mal anderes Gewand brauchte als das übliche Studentinnen-Outfit. Der Verkäufer war sehr bemüht und begleitete mich sogar in die Umkleidekabine – um mir dort in die Unterwäsche zu greifen. Ich konnte es kaum glauben, noch dazu, da vor der Kabine mein Freund stand und auf mich wartete. Auf mein fassungsloses „Der Typ hat mich jetzt voll ausgegriffen“ wusste er genausowenig wie ich, wie er reagieren sollte. Das Bescheuertste an der Geschichte: Ich hab dem Verkäufer sein Zeug nicht wild schreiend um die Ohren gehaut um wutentbrannt den Laden zu verlassen und ihm zuvor noch eine zu schmieren, sondern habe die probierten Sachen sogar gekauft!!! Wie blöd kann man nur sein…?! Der Ärger über mich selbst ist mindestens so groß wie der Ärger über ihn.

Budapest, 2000

Ich hatte ein Bewerbungsgespräch für einen Job in Budapest. Es war ein strahlend schöner Herbsttag und ich hatte noch etwas Zeit, bis mein Zug zurück nach Wien ging. Ich nutzte den Nachmittag für einen ausgiebigen Spaziergang und war bei Sonnenuntergang bei einem Aussichtspunkt mit tollem Blick auf die Stadt – ich glaube, es war die Fischerbastei im Burgviertel. Ich war beglückt und versunken in den wunderschönen Anblick und genoss einfach nur das Gefühl da zu sein. So bemerkte ich gar nicht, dass es schon dunkel wurde und dass ich ganz alleine oben war. Eigentlich fast ganz allein, denn dann fiel mir plötzlich ein Mann auf, der immer näher kam und an seiner Hose herumfingerte. Ich hatte auch nicht bemerkt, dass die Aussichtsplattform eine Art Sackgasse war und ich zum Ausgang an ihm vorbei musste. In einem Reflex bin ich an ihm vorbeigerannt und hinunter vom Berg – und er Gott sei Dank nicht nach. Hier überwog schlicht und einfach die Angst – und im Nachhinein die Erleichterung.

Salzburg, Anfang der 00er

Ich radelte in der Nacht am Salzachkai heim. Ungefähr auf Höhe des Lokal Monkeys sah ich, wie sich hinter einem Baum jemand bewegte. Ein Mann war dabei, sich einen runterzuholen. Ich kam mir nicht bedroht oder persönlich belästigt vor, da er es ja nicht auf mich abgesehen hatte. Aber trotzdem frage ich mich: Muss ich mir das gefallen lassen, dass ich ungewollt Zeugin einer männlichen Masturbation werde? Wohl kaum. Ich entschied mich für eine abschätzige Bemerkung und Weiterradeln. Zurück bleibt Kopfschütteln und Unverständnis.

Salzburg, Mitte der 00er

Wir waren auf dem Weg zu einem Sommerball. Mit „wir“ meine ich meinen jetzigen Mann und mich. Gutgelaunt, herausgeputzt, fast übermütig sind wir über die Linzergasse spaziert – Hand in Hand. Und irgendwie habe ich es diesmal gespürt und fast erwartet oder vielleicht sogar an seinem Blick erahnt: Eine Gruppe junger Männer kam uns entgegen, sicher jünger als ich, und auf meiner Höhe spürte ich seine Hand auf meinem Hintern. Ich hatte bereits meine Faust geballt und hab ihm im Vorbeigehen mit voller Wucht eine Kopfnuss verpasst – mitten aufs Hirn. Ich hoffe, dass er einen ordentlichen blauen Fleck davongetragen hat. Oder dass er zumindest seinen Kumpels gegenüber Erklärungsnotstand hatte, warum ihm eine Frau auf offener Straße einen Fausthieb verpasst. Ich glaube, dass diese Reaktion viel überraschender, unvermuteter und deswegen viel wirkungsvoller war als ein Gekreische oder ein Beschimpfen. Und hoffentlich überlegt er es sich beim nächsten Mal im voraus, ob er eine Frau belästigt, und lässt es gleich bleiben. Insgeheim hoffe ich also, dass ich der Frauenwelt damit einen Dienst erwiesen habe und dass der junge Herr eine Lehre daraus gezogen hat.

Und die Moral von der Geschicht…?

Schwierig… auf der einen Seite bin ich heilfroh und dankbar, dass ich im Vergleich zu anderen Frauen und Mädchen erst relativ spät mit solchen Übergriffen konfrontiert war. In diesem Fall würde aber gelten: Besser nie als spät! Natürlich habe ich nicht viel darüber geredet, und obwohl in zwei Fällen meine Partner sogar hautnah dabei waren, war das auch kein Thema, das weiter besprochen wurde. Ich weiß nicht einmal, wie es ihnen dabei gegangen ist. Ich weiß bis heute nicht, was die richtige Reaktion in den einzelnen Situationen gewesen wäre. Ich weiß nur, dass es für mich am befriedigendsten war, als ich mich zur Wehr setzen und verteidigen konnte. Ja, das ist auch Gewalt. Ich sehe es als Notwehr, als Grenzen setzen. Und das gelingt dann am besten, wenn man darauf gefasst ist.

Aber es kann doch keine Lösung sein, in jedem Mann eine potenzielle Gefahr zu sehen, nur um gewappnet zu sein…?! Davon möchte ich mir mein Lebensgefühl wahrlich nicht zerstören lassen!
Wie seht ihr das?

Nachtrag: Salzburg, 2018

Fast hätte ich es vergessen. Weil es genauso harmlos daherkam wie der Beginn der Story – der küssende Gymnasiallehrer. Nur 30 Jahre später. Bei einer Veranstaltung traf ich einen ehemaligen Vorgesetzten, wir haben uns nett unterhalten, lange nicht gesehen, wie geht’s und so weiter. Wein gab’s auch an der Bar, aber das tut nichts zur Sache. Beim Verabschieden erwartete ich ein amikales Bussi links, Bussi rechts (was mir angesichts unseres spärlichen Kontakts eh schon sehr vertraulich vorgekommen wäre). Aber nein – er küsst mich auf den Mund! Völlig unvermutet und überraschend. Und sichtlich ohne das geringste Bewusstsein, dass das völlig unpassend und übergriffig war. Und ich wieder mal so baff, dass ich mich einfach wortlos umgedreht hab und gegangen bin… So schließt sich der Kreis vom ersten bis zum (bislang) letzten #MeToo-Erlebnis, beide begangen von gut bekannten Männern im Umfeld. Also, Felix und Werner, ich hoffe beim nächsten Mal überlegt ihr euch das gründlich!

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